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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 172-178

 

 

Die Rechtschreibreform: Umsetzung und Reaktionen in Österreich

 

Renée Christine Fürst


 
 

Dieser Beitrag fasst die jüngsten Reaktionen auf die Einführung der Rechtschreib-reform am 1. August 1998 zusammen und beschreibt den Stand der Umsetzung im öffentlichen und nicht-öffentlichen Bereich. Dem vorangestellt ist eine kurze Übersicht über die Entstehung der Reform; auf den Inhalt der Neuregelung wird nicht eingegangen, da dies zu viel Raum einnehmen würde.

Entstehung der Neuregelung

Eine einheitliche deutsche Rechtschreibung für alle deutschsprachigen Länder gibt es erst seit der II. Orthographischen Konferenz 1901 in Berlin, wo man sich mit Hilfe von Konrad Duden auf einen Kompromiss zwischen im vorangegangenen Jahrhundert entstandenen Konzepten einigte. Der erste Schritt zur alten Regelung war jedoch schon die I. Orthographische Konferenz aller deutschsprachigen Länder 1876, die zwar offiziell keine Konsequenzen hatte, auf deren Beschlüsse der preußische Leitfaden für Schulen basiert, der sich auch in anderen Ländern durchsetzt und so zur Grundlage der Rechtschreibung, wie wir sie bis 1998 kannten, wird. Konrad Duden ist zur rechten Zeit am rechten Ort, fasst die Entwicklungen seiner Zeit zusammen, arbeitet sie in sein schon früher entstandenes Wörterbuch ein und wird so zum Vater der Rechtschreibung, wie sie die II. Orthographische Konferenz 1901 in Berlin beschließt. Ab 1903 gilt diese deutsche Einheitsorthographie dann in allen deutschsprachigen Ländern. In Österreich werden die neuen Regeln nebst Wörterverzeichnis am 24. Februar 1902 für alle Schulen verbindlich eingeführt.

Schon unmittelbar nach der Konferenz hörte man bereits scharfe Kritik an den Regeln und laute Rufe nach einer Reform, die sich mit Ausnahme der NS- Zeit in regelmäßigen Abständen wiederholten, jedoch ohne Konsequenzen. Bereits 1902 tritt Oskar Brenner, der selbst von bayrischer Seite an der Berliner Konferenz beteiligt war, wieder für eine phonetischere Schreibung ein, nach dem Prinzip 'Ein Laut, ein Buchstabe' und eindeutige Kennzeichnung der Vokalqualität. 1921 macht ein Sachverständigenausschuss beim deutschen Innenministerium Vorschläge zur Vereinfachung der Rechtschreibung, 1931 meldet sich der Deutsche Buchdruckerverband mit dem Erfurter Rechtschreibungsprogramm, und im gleichen Jahr erscheint ein Vorschlag des Leipziger Lehrervereins zur Änderung der Orthographie.[1] Mitte des Jahrhunderts wurden die Bemühungen dann intensiver. 1954 legen Vertreter der BRD, DDR, Österreichs und der Schweiz erstmals gemeinsame Reformvorschläge vor, die als Stuttgarter Empfehlungen bezeichnet werden. Sie beinhalten zusammengefasst: (1) gemäßigte Kleinschreibung, (2) <tz> > <z> und <ß> > <ss>, (3) Beseitigung aller Doppelformen, (4) Deutsche Schreibweise bei Fremdwörtern, (5) Getrenntschreibung vor Zusammenschreibung, (6) Silbentrennung nach Sprechsilben, und (7) Vereinfachung der Zeichensetzung.[2]

Die Diskussion um den Duden in Deutschland (er wird 1954 amtlich, um die heftigen Auseinandersetzungen über die Gültigkeit und Richtigkeit zu beenden) führt 1956 zur Gründung eines Arbeitskreises für Rechtschreibregelung, der Vorschläge zur Rechtschreibreform ausarbeiten soll. Die Ergebnisse dieses Arbeitskreises werden 1958 als Wiesbadener Empfehlungen präsentiert. Sie beinhalten: gemäßigte Kleinschreibung, Vereinfachung der Kommasetzung, allgemeine Silbentrennung nach Sprechsilben, Beseitigung der Doppelformen, eindeutschende Fremdwortschreibungen, Favorisierung der Getrenntschreibung.[3]

Diese Initiative ist sicherlich nicht der einzige Grund, aber bestimmt einer der Anstöße dafür, dass in Österreich 1960 beim Unterrichtsministerium eine Kommission für die Orthographiereform gebildet wird. In ihren Stellungnahmen bleibt sie vage über die Kleinschreibung, stimmt aber sonst den Wiesbadener Empfehlungen zu. Die Schweiz, die 1953 das 'ß' abgeschafft hatte (aus ganz praktischen Gründen: die französischen und deutschen Schreibmaschinentastaturen sollten vereinheitlicht werden, und da verzichteten die Deutschsprachigen auf das 'ß' im Tausch gegen die französischen Akzentbuchstaben), nimmt im Zuge der Reformbestrebungen auch Stellung und gibt einer konservativeren Variante den Vorzug.

Die nächste Phase der Reformbestrebungen wird durch eine internationale Konferenz zum Thema 'Rechtschreibreform' eingeleitet, die 1973 in Wien stattfindet, und auf der die Wiener Empfehlungen ausgearbeitet werden, die der erste Schritt zur III. Orthographischen Konferenz ab 1986 sind und so zur Reform von 1998 führen. Die Wiener Empfehlungen beinhalten: gemäßigte Kleinschreibung, Silbentrennung nach Sprechsilben (bei Fremdwörtern fakultativ), vereinfachte Kommasetzung, Doppel-s statt scharfem s, bei daß nur einfaches s, Nicht-Regelung von Getrennt- und Zusammenschreibung, Eindeutschung von Fremdwortschreibungen von Fall zu Fall.[4] Es hat sich also der Schwerpunkt der Reformbestrebungen auf groß/klein, getrennt/zusammen, Interpunktion verlegt von 'Schreib wie du sprichst' also Laut-Buchstaben-Zuordnung.

Seit 1980 gibt es den Internationalen Arbeitskreis für Orthographie, der aus den vier nationalen Gruppierungen besteht: die Arbeitsgruppe Orthographie bei der Akademie der Wissenschaften (DDR), die Kommission für Rechtschreibfragen des Instituts für deutsche Sprache, Mannheim (BRD), die Arbeitsgruppe Rechtschreibreform der schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (Schweiz), und die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe des Koordinationskomitees für Orthographie beim Bundesministerium für Unterricht und Kunst (Österreich). 1986, 1990 und 1994 finden die Wiener Gespräche (oft als III. Orthographische Konferenz bezeichnet) statt, bei denen dann auch letztendlich die jetzt gültige Rechtschreibung ausgearbeitet wird. 1988 ist der erste Vorschlag auf Grund der Ergebnisse der 1. Wiener Gespräche fertig und wird 1989 veröffentlicht. 1990, in den 2. Wiener Gesprächen werden nach heftigen Protesten der Öffentlichkeit Änderungen am Vorschlag vorgenommen (Stichwort Kaiser mit ei) und die Ergebnisse 1993 publiziert. 1994 wird der Vorschlag weiter verändert und 1994, bei den 3. Wiener Gesprächen diskutiert. Eine Übereinkunft wird getroffen und 1995 veröffentlicht. Im Juli 1995 informiert die damalige österreichische Unterrichtsministerin, Elisabeth Gehrer, den Ministerrat über die beabsichtigte Reform. Man ging damals davon aus, dass die politische Umsetzung rasch erfolgen würde und rechnete mit einer Einführung bereits 1997.

Im Herbst 1995, nach Veröffentlichung der neuen offiziellen Vorlage zur Reform im Anschluss an die 3. Wiener Gespräche, erfolgte jedoch wieder ein lauter Aufschrei der Öffentlichkeit, so dass sich das Verfahren verzögerte. Durch den Medienrummel aufgeschreckt, erbaten sich die deutschen Kultusminister noch eine weitere Bedenkzeit und forderten Ende 1995 die Änderung von ungefähr 40 Wörtern. Federführend dabei waren die Bayern, denen von manchen sogar vorgeworfen wird, dass sie die Reform aus Rache für die Kruzifixdiskussion, die kurz vorher die Gemüter bewegt hatte, verzögern wollten. Nach den heftigen Reaktionen wurden die 40 Wörter geändert und das Regelwerk 1996 neu präsentiert. Von Dezember 1995 bis April 1996 stimmten dann nacheinander die deutschen Behörden und politischen Institutionen zu. Am 1. Juli 1996 unterzeichneten Regierungsvertreter aus Belgien, Deutschland, Italien, Liechtenstein, Rumänien, der Schweiz, Ungarn und Österreich die Wiener Absichtserklärung, die besagt, dass sich die Unterzeichnenden in ihrem Wirkungsbereich für die Umsetzung der Reform einsetzen werden. Die Einführung wurde mit 1. August 1998 festgesetzt, eine Übergangsperiode bis 31. Juli 2005 eingeräumt. Grundsätzlich gilt die Absichtserklärung von 1996, also das Abkommen über die Einführung der neuen Rechtschreibung nur für den vom Staat direkt beeinflussten Bereich, also Schulen, Ämter und Behörden. Allen anderen Bereichen - Medien, Verlagen, Privatunternehmen, Banken, Versicherungen, Wissenschaftlern usw. und natürlich Privatpersonen - steht es frei, sich an die Neuregelung zu halten oder nicht.

Der Klagenfurter Germanist Robert Saxer unterscheidet in dieser Phase zwei Reaktionsebenen[5]: die allgemeine Reaktion, die er in emotionale Ablehnung (Sprachverfall) und lebensgeschichtlich motivierte Ablehnung (Umlernen) einerseits und positive Grundeinstellung, gekennzeichnet durch Neugier auf die versprochenen Erleichterungen andererseits einteilt, und die Reaktion der Intellektuellen, worunter er Literaten, Kritiker, Journalisten und Wissenschaftler subsumiert, die sich in Beiträgen in Zeitschriften wie Der Spiegel und News zeigt. Er ortet da eine Trotzhaltung, die sich gegen Reglementierungen von Seiten des Staates richtet. Nur einigen Pressevertretern gesteht er sachliche Berichterstattung zu (Der Standard), und auch einige Autoren bilden eine für ihn löbliche Ausnahme (Franzobel).

Umsetzung und Reaktionen in Österreich

Das Ergebnis des Entscheidungspro-zesses auch in den nicht vom Staat geregelten Bereichen war in Österreich ziemlich rasch nach Unterzeichnung der Absichtserklärung zu erkennen. Nach der Festlegung des Termins für das In-Kraft-Treten der Reform auf 1. August 1998 findet man sich in Österreich im Großen und Ganzen damit ab, dass es diese Neuregelung geben wird und ergreift die notwendigen Maßnahmen zur Umsetzung, zunächst natürlich im öffentlichen, bald aber auch im nicht-öffentlichen Bereich. Die Schulen machen den Anfang und stellen schon größtenteils vor dem 1. August 1998 um, dann folgen die Ämter und Behörden, und mit 1. August 1999 die APA (Austria Presse Agentur) und damit die meisten Medien. Die Kommentare zur Reform sind nach wie vor größtenteils kritisch, die Notwendigkeit der Umstellung wird allerdings kaum mehr in Frage gestellt. Günter Traxler in der Tageszeitung Der Standard versucht zum Beispiel, der Übergangsphase von 1998 bis 2005 auch Positives abzugewinnen:

"Dabei brechen zunächst einmal, außer in Tintenburgen, paradiesische Zustände an. Nicht nur Schriftsteller - die mit Fug und Recht und sowieso immer - auch normal sterbliche Opfer vergangener Alphabetisierungskampagnen dürfen die nächsten 7 Jahre, bis zum 31. Juli 2005, schreiben, wie sie wollen: nach der alten Manier, nach der neuen oder nach einer privaten - wer wird denn noch den Überblick behalten? [...] So viel Freiheit gab's noch nie."[6]

Der Standard veröffentlicht auch, wie die meisten anderen österreichischen Tageszeitungen, ausführliche Informationen zur neuen Rechtschreibung.

Am 20.3.99, mehr als ein halbes Jahr nach der offiziellen Einführung der Neuregelung, kommt wieder etwas Bewegung in die Diskussion. Das Linzer Meinungsforschungsinstitut Spectra veröffentlicht eine Studie, derzufolge es nach wie vor eine breite Ablehnung der Neuregelung in der Bevölkerung gibt. Nur 14 % der Österrei-cherInnen schreiben im Februar 1999 bereits neu, und von diesen 14 % lehnen 40 % die Reform trotzdem ab.

"Sie befolgen die neuen Regeln zwar, halten sie aber für Unfug oder Schikane."[7]

 

Der öffentliche Bereich

Schulen

Die Schule ist der erste Bereich, in dem die Reform in Österreich umgesetzt wurde. Bereits ab dem Schuljahr 1996/97 wurde nach der neuen Schreibung unterrichtet, gestaffelt nach Schulstufen, aber prinzipiell gültig für alle - als freiwillige Initiative der Schulen, noch nicht per Erlass. Mit 1. August 1998 musste dann überall umgestellt sein. Seit 1996 wird neu korrigiert, aber alte Schreibungen nicht als Fehler gerechnet. Diese Regelung wird bis 2005 gelten. 1997 wurde per ministerieller Verordnung die Leistungsbeurteilung angepasst. Der Volksschullehrplan im Bereich 'Rechtschreibung' wurde mit 1. September 1998 geändert. Man ist ja bei den Reformvorschlägen von den Fehlerquellen der SchülerInnen ausgegangen, und tatsächlich haben erste Untersuchungen an SchülerInnen gezeigt, dass in der reformierten Rechtschreibung weniger Fehler gemacht werden.

In einer ersten kleinen Untersuchung an einem Wiener Gymnasium stellte sich heraus, dass auf Grund der neuen Regelung 13 % weniger Fehler gemacht werden, bei der Zeichensetzung sogar 52%.[8] Bei Einstellungsuntersuchungen zeigt sich immer wieder, dass ältere SchülerInnen weniger bereit sind, die neue Rechtschreibung anzunehmen, weil sie das Gefühl haben, bis jetzt die alte Schreibung umsonst gelernt zu haben. Bei den jüngeren SchülerInnen ist kaum Widerstand zu bemerken. Ein Problem, das gleich nach der Umstellung manchmal auftrat, war, dass die LehrerInnen oft selber nicht sicher genug in der neuen Rechtschreibung waren und es zu heftigen Diskussionen mit Schü- lerInnen und Eltern kam.

Generell sehen österreichische LehrerInnen die neue Situation ziemlich pragmatisch, da sie durch ihren Beruf weisungsgebunden sind und daher die Erlässe des Ministeriums befolgen müssen. Sie haben sich durchwegs am schnellsten umgestellt, weil sie das meiste, was sie schreiben, in der Schule schreiben, und dort muss seit 1998 alles neu sein. Bei einer Untersuchung zu Beginn des Schuljahres 1997/98 gaben nur 10 % der Wiener LehrerInnen an, wieder zur alten Schreibung zurückkehren zu wollen.[9]

Zur Zeit läuft in Wien eine groß angelegte Fragebogenuntersuchung zur didaktischen Umsetzung der Rechtschreibreform in den verschiedenen Schulformen und -typen, bei der die LehrerInnen um ihre Einschätzung der Situation gebeten werden. Die ersten Auswertungsergebnisse[10] liegen auch schon vor, und zwar für den Bereich Volksschule (Grundschule); die Studie ist allerdings noch nicht erschienen. Die wichtigsten Ergebnisse der Multiple-Choice-Fragen sind kurz zusammengefasst folgende: (1) die LehrerInnen vermitteln die neue Schreibung vor allem durch das Lehren von Regeln und nicht durch das Üben des Grundwortschatzes, (2) die Änderung der Doppel-s/scharfes s -Regelung hat sich positiv auf das Erlernen ausgewirkt, (3) die Getrennt- und Zusammenschreibung ist am problematischsten und wird am wenigsten geübt, da die Regeln kaum handhabbar sind, (4) die Groß- und Kleinschreibung ist jetzt leichter, aber es werden viele Übergeneralisierungsfehler gemacht, (5) die Beistrichsetzung bleibt unsicher. Die häufigsten LehrerInnen konnten auf den Fragebögen auch sonstige Bemerkungen notieren, in denen 4 Aussagen besonders häufig vorkamen:

        die neue Rechtschreibung ist unnötig, da sie nicht leichter und klarer geworden ist

        das 'ß' soll abgeschafft werden

        einige Großschreibungen sind unlogisch

        die neue Rechtschreibung bringt keine besondere Erleichterung

Die schnelle Umsetzung an den Schulen in Österreich hat abgesehen vom Weisungsrecht der Unterrichtsministerin in diesem Bereich sicher damit zu tun, dass die Re-formarbeit in Österreich seit den 60er Jahren zum Großteil vom Unterrichtsministerium und Schulbehördenvertretern ausgegangen ist. Sie waren maßgeblich am Entstehen dieser Reform beteiligt, und dann natürlich am schnellsten bei der Umsetzung in ihren Bereichen, obwohl auch sie nicht voll dahinter stehen, wie z.B. Karl Blüml, einer der Väter der Neuregelung, der in einem Interview im Standard meint, dass er die Neuregelung als Kompromiss sieht, und weitere Veränderungen durchaus auch im Sinne der Reformatoren sind: "Was klarer ist, wird sich durchsetzen, was nicht, nicht."[11]

Ämter und Behörden

Die österreichischen Beamten mussten sich spätestens am 1.1.1999 umstellen, einige Regional- und Kommunalverwaltungen taten es jedoch schon früher. Es wurden intensiv Schulungen angeboten, um die Beamten an die neue Schreibung zu gewöhnen. Alle neu erscheinenden Formulare und Schriftstücke müssen jetzt in der neuen Rechtschreibung verfasst sein. Die Ämter und Behörden bekamen bald nach der Umstellung nach langen Versuchsphasen eine Rechtschreibsoftware, die Fehler bei der neuen Schreibung vermeiden helfen soll. Der Öffentlichkeit wurde die Veränderung erstmals so richtig bewusst, als neue Straßennamen in neuer Schreibung erschienen.[12]

Germanistik

Als nächstes möchte ich kurz auf einen Bereich eingehen, der eigentlich nicht zum öffentlichen Bereich gehört, aber immer als eng mit der Reform verbunden gesehen wird: die Germanistik. Jeder Germanist und jede Germanistin wurde sicher schon öfter um seine/ihre Meinung als 'Experte/in' gefragt, obwohl wir uns selber meist gar nicht als solche sehen, vor allem in Österreich, wo die Reform ganz eindeutig vom Unterrichtsministerium und nicht von Germanisten bzw. Sprachwissenschaftlern geprägt wurde. Natürlich waren Germanisten an den Arbeitskreisen beteiligt, aber immer eher in beratender als entscheidender Funktion. Und das Ergebnis zeigt ja auch, dass in den meisten Fällen Kompromisse geschlossen wurden und die Reform nicht als sprachwissenschaftliche Meisterleistung bezeichnet werden kann.

Interessant ist es meiner Meinung nach trotzdem, oder gerade deswegen, zu sehen, wie österreichische Germanisten mit der Neuregelung umgehen. Ich habe eine kleine, nicht repräsentative Umfrage unter Wiener Sprachwissenschaftlern gemacht, um herauszufinden, wie sie auf die Reform reagiert haben. Und dabei stellte sich heraus, dass, obwohl einige von ihnen auch in der Reformkommission saßen, nicht alle konsequent neu schreiben. Manche schreiben prinzipiell noch alt, außer, wenn es Verleger anders verlangen, die meisten haben sich im öffentlichen Bereich umgestellt, viele schreiben aber privat noch alt oder haben überhaupt ihre Privatrechtschreibung, die sie in allen möglichen Situationen anwenden. So verfährt zum Beispiel Richard Schrodt, der Mitglied in der Reformkommission war. Er beschreibt in einem Artikel für die Zeitschrift Erziehung und Unterricht auch seine persönlichen Schwierigkeiten mit der Reform[13]. In diesem Artikel wird deutlich, dass sich die sogenannten 'Experten' nach der Beschlussfassung völlig aus der Diskussion heraushalten und das Feld den Umsetzern, das heißt den LehrerInnen überlassen.

Hermann Scheuringer, der selbst mit dem Stichtag 1. August 1998 voll umgestellt hat, kritisiert in einigen Artikeln[14] die Reformgegner, die sich mit emotionalen Argumenten gegen eine Veränderung wehren wollen, die wenigstens eine kleine Wendung zum Besseren bringt. Man kann in Österreich viele Germanisten finden, die sich für die Reform einsetzen oder zumindest aussprechen, ohne sie aber inhaltlich gut zu finden. Der schon erwähnte Robert Saxer aus Klagenfurt, zum Beispiel, setzt sich kritisch mit dem Regelwerk an sich auseinander, blickt aber in die Zukunft und versucht die Konsequenzen einzuschätzen, die die Reform für die Sprachgemeinschaft hat und wie sich die Wissenschaft damit beschäftigen sollte.[15] Prof. Spechtler aus Salzburg wird in einem Bericht der Salzburger Nachrichten zitiert und stößt ebenfalls in das pragmatische Horn.[16] Auch Heinz Dieter Pohl aus Klagenfurt versteht die ganze Aufregung um die Reform nicht, schreibt er in einem Gastkommentar in der Kleinen Zeitung[17]. Und zwar nicht, weil er sie so gut findet, sondern weil er meint, dass manche Auswüchse durch den Sprachgebrauch von selbst wieder verschwinden würden. Er glaubt also an die Kraft der Selbstreinigung in der Sprache, wie sie auch in Slowenien zu sehen war, wo man die zentrale Änderung der Orthographiereform wieder zurücknehmen musste. Wendelin Schmidt-Dengler und Werner Welzig aus Wien deklarieren sich ebenfalls als Pragmatiker, die die Neuregelung zwar nicht unbedingt gutheißen, aber trotzdem akzeptieren.[18]

Grundsätzlich kann man sagen, dass von den sogenannten 'Fachleuten' niemand mit der Reform als Ganzes richtig zufrieden ist und nur ganz wenige voll hinter ihr stehen, aber der Großteil der Germanisten sie inzwischen akzeptiert hat und pragmatisch anwendet. Es gibt nach wie vor einige vehemente Gegner, aber in Österreich hat sich im akademischen Bereich der Widerstand gelegt, falls er überhaupt je wirklich vorhanden war.

Der nicht-öffentliche Bereich

Medien

Die Medien, wie oben schon erwähnt, haben mit 1. August 1999 größtenteils umgestellt. Der ORF kündigte einen fließenden Übergang an, da sich manche Bereiche aus Kostengründen nicht so schnell umstellen lassen, die meisten Tages- und Wochenzeitungen stellten mit dem Stichtag 1. August mit größeren und kleineren Schwierigkeiten um. Der Tenor bei den Tageszeitungen war leicht negativ, aber im Grunde wurde die Reform akzeptiert, nach dem Motto 'Wir finden die Neuregelung zwar nicht besonders gut, aber was sollen wir machen, da sie nun beschlossene Sache ist?'[19] Aber es gab auch einige Ausnahmen, allen voran die konservative Tageszeitung Die Presse, die bis heute nicht umgestellt hat. Sie veröffentlichte bereits im September 1997 auf der ersten Seite eine Stellungnahme, in der sie die Gründe für ihre Haltung beschreibt, und formuliert ihre Vorgehensweise so:

"Grund für unseren Boykott ist nicht nur, daß das Regelwerk verpfuscht wurde und weit mehr Probleme schafft, als es zu lösen vorgibt, sondern die Rechtschreibreform an sich und die Art ihrer Umsetzung. Die Zeit ist abgelaufen für die geistigen Pickelhaubenträger, die glauben, wie einst unter Kaiser Wilhelm den Bürgern verordnen zu können, was ihnen gerade einfällt. Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir zu schreiben haben. Mit uns sind namhafte Schriftsteller und Intellektuelle Österreichs."[20]

Andreas Unterberger stellt rechtzeitig vor Einführung der neuen Schreibung bei den anderen Medien noch einmal klar: "Wir werden auch an der bisherigen "alten" Rechtschreibung festhalten, solange diese die einzige einheitliche Kulturnorm im deutschen Sprachraum darstellt und von der Mehrheit gewünscht wird."[21] Das bedeutet, dass sich die Presse einen Redakteur leisten muss, der die Meldungen aus den Presseagenturen umschreibt, da diese ja in neuer Schreibung hereinkommen. Darauf reagiert natürlich auch die Konkurrenz: Im Standard kommentiert Günter Traxler ganz pragmatisch, dass sich Die Presse wohl spätestens dann umstellen wird müssen, wenn die jetzigen Volksschüler Redakteure werden.[22]

Neben der Presse wehrten sich auch die kleinformatigen Boulevardzeitungen in Österreich gegen eine Umstellung auf die neue Schreibung. Die Kronenzeitung änderte zunächst nichts und kündigte einen fließenden Übergang an, Täglich Alles und Die Ganze Woche stellen sich offen gegen die Reform und verwenden heute nach wie vor die alte Schreibung. Format, News und TV-Media warteten ab - TV-Media hat sich in der Zwischenzeit umgestellt, News ebenso, Format allerdings noch nicht, obwohl alle drei dieselben Eigentümer haben.

Da die Zeitungen sich an die Presseagenturen halten, hat sich im Bereich Medien ein neues Phänomen entwickelt. Die Presseagenturen wenden die Reform zwar an, aber nur bedingt. In gewissen Bereichen vertreten sie ihre eigenen Ansichten und halten sich nicht an das neue Regelwerk. Die Fremdwörter aus toten Sprachen werden zum Beispiel eingedeutscht, die aus lebenden nicht, und die Zeichensetzung wurde nicht geändert. Verschiedene Zeitungen haben auch eigene Varianten der Reform entwickelt und verwenden in verschiedenen Bereichen die alten Formen. Daraus leitet Hans Werner Scheidl in der Presse einen Verfall der Sprachkultur ab.

"Damit ist der 1. August 1999 das Ende für ein Kulturgut. Die deutsche Einheitsschreibung ist passé, aus dem einst sakrosankten 'Duden' ist ein belächelter Versuch geworden, in Schulen und Ämtern dem Wildwuchs Einhalt zu gebieten."[23]

Die Presse ist auch die einzige Zeitung, die auch nach der Einführung der Reform noch häufig über das Thema berichtet. Es werden immer wieder Artikel veröffentlicht, die sich mit kritischen Reaktionen zur Reform auseinandersetzen. Gleich nach der Umstellung bei den Zeitungen erscheint ein hämischer Artikel, in dem über die Schwierigkeiten der Zeitungen berichtet wird, die brav umgestellt haben.[24] Am 24. 12. 99 erscheint ein Gastkommentar von Theodor Ickler von der Universität Erlangen/ Nürnberg, einem vehementen Gegner der Neuregelung, in dem er schreibt: "Die neue Orthographie ist oft häßlich und sinnstörend, die Reform der Reform absehbar."[25] Immer wieder gibt es Berichte über den Misserfolg der Reform[26], zuletzt am 11. April dieses Jahres mit dem Titel 'Nicht einmal der Duden hält sich an alle Regeln'[27].

Die anderen Zeitungen nehmen eine eher pragmatische Haltung ein. Die Berichterstattung nach der Absichtserklärung 1996 wird neutraler, man scheint sich mit der Entwicklung abzufinden, und die Umstellung wird vielfach kaum mehr kommentiert, sondern nur angekündigt. Beim Standard, zum Beispiel, steht der Großteil der Redakteure nicht hinter der Reform, beugt sich aber und übernimmt ab 1. August 1999 die neue Schreibung.

Die AutorInnen

Die österreichischen AutorInnen schlossen sich im Herbst 1996 an den Protest ihrer deutschen KollegInnen an und unterzeichneten teilweise auch die sogenannte 'Frankfurter Erklärung' anlässlich der Frankfurter Buchmesse, in der sie sich gegen die Reform aussprechen und die Kosten der Umstellung und die Geheimhaltung der Reformvorschläge als Argumente ins Treffen führen. Die IG Autorinnen und Autoren in Österreich kritisierte, dass man sie im Vorfeld der Reform nicht ausreichend konsultiert hätte und trat vor allem im Nachrichtenmagazin News vehement gegen die Neuregelung auf. Die namhaftesten österreichischen LiteratInnen unterstützten diese Kritik: H.C. Artmann, Alois Brandstetter, Milo Dor, Norbert Gstrein, Peter Henisch, Elfriede Jelinek, Ernst Jandl, Michael Köhlmeier, Friederike Mayröcker, Gerhard Roth, Robert Schneider, usw.[28] Anfang 1997 wurden 3000 österreichische Autorinnen und Autoren in einer Urabstimmung von der IG Autorinnen und Autoren zu ihrer Haltung zur Rechtschreibreform befragt. Knappe 30 % nahmen auch tatsächlich Stellung, und davon waren gute 90 % mit den Ergebnissen der Reform nicht einverstanden.[29] 81,7 % der Befragten gaben an, sich nicht an die Regeln und Schreibweisen der Reform halten zu wollen, und knapp 75 % wollten nicht, dass ihre Werke in neuer Schreibung gedruckt werden. Damit in Zusammenhang steht auch die Ablehnung des Abdrucks von Auszügen aus ihren Werken in Schulbüchern, die aber viele bald wieder aufgaben, da sie sich zu ihrem eigenen Schaden entwickelt hätte. Wenn man sich überlegt, wie viele AutorInnen tatsächlich vehement gegen die Einführung der Neuregelung waren, kommt man auf knapp 800 von 3000 eingetragenen Mitgliedern bei der IG Autorinnen und Autoren, insgesamt also sicher weniger als 25 % der österreichischen SchriftstellerInnen, da ja nicht alle Mitglieder der IG Autoren sind.

Ebenfalls 1997 unterzeichnen 140 österreichische AutorInnen und Rechtsnachfol-gerInnen sowie 23 ausländische Verlage für weitere 260 österreichische AutorInnen eine "Öffentliche Untersagungserklärung", in der sie festlegen, dass ihre Werke nicht in neuer Schreibung veröffentlicht werden dürfen, wobei einer Stellungnahme des Justizministeriums zu diesem Thema zu entnehmen ist, das dies wohl rechtlich nicht zu verhindern sein wird.

Die Verlage

Zum Schluss noch zu den Verlagen als entscheidende Multiplikatoren für die Neuregelung. Die Schulbuchverlage zum Beispiel haben sehr schnell auf die neue Situation reagiert - 1998/99 waren bereits ca. 60 % der Schulbücher umgestellt. Die Kinder- und Jugendbuchverlage bringen bereits seit Frühjahr 1997 ihre Neuerscheinungen nur noch in neuer Rechtschreibung heraus. Und auch die meisten Sachbücher erscheinen heute in neuer Schreibung. Anders bei den großen Belletristik-Verlagen: diese halten sich immer noch zum großen Teil an die Wünsche der AutorInnen und drucken Neuerscheinungen so, wie sie die AutorInnen schreiben. Wie lange sie diese Haltung noch bewahren werden, ist derzeit nicht abzuschätzen. Auf jeden Fall tragen sie dadurch zur Verwirrung der Bevölkerung, und vor allem der SchülerInnen bei, die die neue Schreibung lernen und beim Lesen wieder mit der alten konfrontiert werden.

Zusammenfassend kann man aber dennoch sagen, dass sich wahrscheinlich diese Reform ebenso langfristig durchsetzen wird, wie es die alte getan hat, da die Mühlen der staatlich geregelten Erziehung langsam aber sicher mahlen und so eine Generation heranwächst, die über die Diskussionen im Vorfeld der Einführung der Neuregelung 1998 nur lächeln und vielleicht bald wieder das Ziel gemäßigte Kleinschreibung in Angriff nehmen wird.

Literatur:

1.     Blüml, Karl (1997): Die Geschichte der Reformbemühungen von 1960 bis 1995 in Österreich. In: Gerhard Augst ua: Zur Neuregelung der deutschen Orthographie: Begründung und Kritik. Tübingen: Niemeyer. (Reihe Germanistische Linguistik; 179), S. 25-36.

2.     Blüml, Karl u.a. (1998): Warum neu schreiben? Reizworte zur Rechtschreibreform. Wien: ÖBV.

3.     Eroms, Hans-Werner und Horst Haider Munske (1997): Die Rechtschreibreform: Pro und Kontra. Berlin: Erich Schmidt.

4.     Saxer, Robert (1997): Die Rechtschreibreform. Ihre Folgen - ihre Verfolger. In: ide (Informationen für Deutschdidaktik) 1/1997, S. 124 - 139.

5.     Scheuringer, Hermann (1996): Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Wien: Edition Praesens. (=Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 4)

6.     Scheuringer Hermann (1996a): Letzte Zwistigkeiten ums Reförmchen. In: Sprachnormung und Sprachplanung. Festschrift für Otto Back zum 70. Geburtstag. Hrsg. v. Heiner Eichner ua. Wien: Edition Praesens, 1996, S. 405-414.

7.     Schrodt, Richard (1996): Die neue Rechtschreibung - ein guter Schritt in die falsche Richtung? Ein Erlebnisbericht. In: Erziehung und Unterricht. Österreichische Pädagogische Zeitschrift, 7/1996, S. 521-528

8.     Senft, Sonja (1998): Die Bemühungen Österreichs um ein Zustandekommen der Rechtschreibreform 1971 - 1996. Diplomarbeit, Universität Wien.


 


[1] Vgl. Scheuringer (1996), S. 95ff.

[2] Vgl. Ebd., S. 98f.

[3] Vgl. Ebd., S. 100.

[4] Vgl. ebenda, S. 101.

[5] Vgl. Saxer (1997), S. 133ff.

[6] Der Standard, 1. 8. 98.

[7] Der Standard, 20.3.99.

[8] Vgl. Blüml u.a. (1998), S. 32.

[9] Vgl. Blüml u.a. (1998), S. 34.

[10] Information von Prof. Schrodt per E-mail am 16. Mai 2000.

[11] Der Standard, 31.1.98.

[12] Der Standard, 21.9.99.

[13] Vgl. Schrodt (1996).

[14] Z.B. Scheuringer (1996a) und Hermann Scheuringer: Auf den Schlips getreten. In: Eroms/Munske (1997), S. 197-204.

[15] Vgl. Saxer (1997).

[16] Vgl. Salzburger Nachrichten, 9.8.97.

[17] Kleine Zeitung, 26.9.97.

[18] Die Presse, 5./7.9.97.

[19] z.B. die Artikel von Glattauer und Sperl in Der Standard vom 2.8.99, und Rau im Standard vom 15.1. 2000.

[20] Die Presse, 6./7.9.97, 'Die Presse macht nicht mit'

[21] Die Presse 16.7.99, 'Nun ist die Sprach-Verwirrung total: Jedem seine eigene Rechtschreibreform'.

[22] Der Standard, 1.8.98.

[23] Die Presse, 31. 7.99, 'Das Schreib-Chaos kommt auf leisen Sohlen'.

[24] Die Presse, 7.8.99, 'Bitte, wie schreibt man "Oacheln"?'

[25] Die Presse, 24.12.99, 'Rechtschreibrefom - eine Zwischenbilanz'.

[26] z.B. am 22.9.98, 5.10.98, 8.3.99, 16.3.99, 14.6.99

[27] Die Presse, 11.4.2000.

[28] Vgl. Senft (1998), S. 84.

[29] Vgl. Gerhard Ruiss: Rechtschreibreformpassion, In: Eroms/Munske (1997), S. 185-195.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 172-178

 

 

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