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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 49-52

 

 

GEDANKEN ÜBER GOETHES RATTENFÄNGER

Liana Coca-Corciu



In einer Zeit, in der sich das kritische Denken schon selber dekonstruiert, verlangt die Etikette, daß man sokratisch und provokativ mit einer Frage anfängt, wie z.B.: Frisch gewagt ist schon gewonnen? Oder ausführlicher: Hatten es nicht schon die Expressionisten mit den Klassikern abgetan?

Eine andere Möglichkeit, die ich vorziehe – man darf nach Derrida, der bekanntlich in dieser Hinsicht eine Autorität ist, seine Präferenzen haben und doch literarisch salonfähig bleiben –, wäre nämlich die, provokative Schlagzeilen wie etwa Es geht auch ohne Goethe, in Fragesätze wie: Und selbst wenn es auch ohne Goethe geht, na und? (1) umzuwandeln.

Ohne wen geht es eigentlich nicht? Das hindert normalerweise niemanden daran, einen Platz in dieser Welt einzunehmen, Freunde oder sogar Fans zu haben, usw. Warum sollte es in der virtuellen Realität der heutigen Me-dien, die auch den Büchermarkt einschließen, anders sein?

Abgesehen davon hat sich Goethes Rezeption niemals auf den Büchermarkt beschränkt, er wurde aufgeführt, und er wurde vor allem gesungen. Das hat sich heutzutage, nach meinem Ermessen, nicht wesentlich geändert.

Das Gedicht Der Rattenfänger gehört der Balladensammlung von 1815 an und wurde im selben Jahr von Schubert vertont (2).


Der Rattenfänger

Ich bin der wohlbekannte Sänger,
Der viel gereis’te Rattenfänger,
Den diese altberühmte Stadt
Gewiß besonders nötig hat;
Und wären’s Ratten noch so viele,
Und wären Wiesel mit im Spiele;
Von allen säubr’ ich diesen Ort,
Sie müssen mit einander fort.

Dann ist der gut gelaunte Sänger
Mitunter auch ein Kinderfänger,
Der selbst die wildesten bezwingt,
Wenn er die goldnen Märchen singt.
Und wären Knaben noch so trutzig,
Und wären Mädchen noch so stutzig,
In meinen Saiten greif’ ich ein
Sie müssen alle hinter drein.
Dann ist der viel gewandte Sänger
Gelegentlich ein Mädchenfänger;
In keinem Städchen langt er an,
Wo er’s nicht mancher angetan.
Und wären Mädchen noch so blöde,
Und wären Weiber noch so spröde;
Doch allen wird so liebebang
Bei Zaubersaiten und Gesang.
          (Von Anfang)
 

Zielsetzung des vorliegenden Aufsatzes ist es, eine neue Lesart des Gedichts vorzustellen, derzufolge die Sagengestalt des Rattenfängers als Rollengestalt eines dichterischen Bekenntnises erscheint. Die Argumente für diese These entnehme ich dem Vergleich mit Robert Brownings (1812 - 1889) Poem The Pied Pipper of Hamelin.

Es ist zwar anzunehmen, daß die Quellen, die die beiden Dichter benützten, nicht identisch waren, doch könnte das auf keinen Fall auch nur die äußere Verschiedenheit der beiden Gedichte erklären: Während der Rattenfänger 25 Zeilen umfaßt, erstreckt sich der Pied Piper über mehr als neun Buchseiten. Schon diese Unterschiede weisen eher auf grundverschiedene Konzeptionen und Intentionen in der Behandlung des gleichen Themas als auf verschiedenartige Themenvorlagen hin.

Die Länge von Brownings Poem bezeugt die Absicht des englischen Dichters, die Sage möglichst vollständig wiederzugeben. Brow-ning scheint von der Story und von ihrer rätselhaften Beziehung zu einer historisch und geographisch nachweisbaren Realität fasziniert zu sein.

Eine genaue geographische Angabe wird gleich zu Beginn artikuliert:

Hamelin town’s in Brunswick,
By famous Hanover city;
The river Weser, deep and wide,
Washes its wall on the southern side (3);

und ein Datum, the Twenty-second of July, Thirteen hundred and seventy-six, sowie auch ein neuer Ort in Transylvanien (4) gegen Ende rahmen das Poem ein. Es ist so, als ob die Phantasie des Lesers davor verschont werden sollte, im Belanglosen zu schweifen. Für Browning scheint die Sage, so schön oder ungewöhnlich sie auch immer ist, nur dann von Belang zu sein, wenn sie sich auf eine konkrete Wirklichkeit bezieht, die dadurch selber schön oder ungewöhnlich wirkt.

Den Leser aber hält Browning dazu an, die Handlungsträger der Sage nicht nur als interesssante dramatische Gestalten in seiner Phantasie nachzuvollziehen und zu genießen, sondern auch über ihre Ahnlickkeit mit manchen seiner Zeitgenossen und ihrer Beziehungen zueinander nachzudenken. Während Goethe in seinem Klammer-Epilog, Von Anfang, humorvoll den Fortbestand des Gedichtes mit seiner unendlichen Wiederholung identifiziert, spricht Browning das Kind an, dem er das Poem widmet, in der Absicht, eine Lehre hervorzuheben:

So, Willy, let me and you be wipers
Of scores out with all men – especially pipers!
And whether they pipe us free from rats or from mice,
If we’ve promised them aught, let us keep our promise! (5)

Der Gestalt des Pipers kommt im Poem die gleiche Aufmerksamkeit zu wie jener seines Gegenspielers, des Bürgermeisters, der ihm im Namen seiner Corporation eine Entlohnung verspricht und dann, nach vollbrachter Tat, verweigert. Ihre detaillierte Beschreibung streicht ihre Rolle als dramatische Kontrastfiguren heraus.

Der Bürgermeister,
Looking little though wondrous fat;
Nor brighter was his eye, nor moister
Than a too-long-opened oyster,
und der Pied Piper
tall and thin,
With sharp blue eyes, each like a pin,
And light loose hair, yet swarthy skin (6),

sind beide pittoresk und ihre Gegenüberstellung steigert noch mehr den theatralischen Effekt ihres Auftritts. Im Gegensatz dazu, und obwohl Goethe sein Gedicht für eine Ballade ausgab, enthält Der Rattenfänger weder eine dramatische Handlung noch dramatische Gestalten im Sinne von Spieler und Gegenspieler. Es ist vielmehr ein lyrischer Monolog, ein Lied mit Kehrreim-Variationen, dessen Sprache und innere Logik keine explizite Referenz zu einer äußeren oder nicht-sprachlichen Wirklichkeit benötigt.

Der Umstand, daß dieselbe Sagengestalt im Deutschen und im Englischen verschiedene Namen trägt, hat Konsequenzen für die Art und Weise, wie sie in der Dichtung rezipiert werden konnte. Der englische Pied Piper kann nicht von seinem Instrumenten losgelöst werden, ohne jeden Bezug zur überlieferten Sagengestalt zu verlieren. Er kann sich von seiner historisch existenten, aber auch historisch bestimmten Pied nicht selbstständig machen und dennoch seine magische Kraft und legendäre Aura beibehalten.

Die Folge davon ist, daß seine Geschichte auf die überlieferte Sage beschränkt bleibt und darüber hinaus nur noch als abstrakte Lehre - die auch auf andere Geschichten und Situationen zugeschnitten sein mag - wichtig ist. Seine Wiederbelebung als historisch resonante Sagengestalt hat allerdings auch die Funktion, eine Vergangenheit wieder zugänglich zu machen, für die sich die Gegenwart am ehesten im ästhetischen Spiel zu interessieren scheint.
Browning bemüht sich darum, die Sage nicht nur kunstvoll, sondern auch möglichst akkurat und vollständig in allen ihren Verzweigungen vorzustellen:

And I must not omit to say
That in Transylvania there’s a tribe
Of alien people who ascribe
The outlandish ways and dress
On which their neighbors lay such stress
To their fathers and mothers having risen
Out of some subterraneous prison
Into which they were trepanned
Long time ago in a mighty band
Out of Hamelin town in Brunswick land (7).

Im Unterschied zum Englischen enthält im Deutschen der Namen des Rattenfängers keine einschränkende Angabe seines Auftritts. Der Namen verweist auf eine historische und legendäre Referenz, ohne sie ausdrücklich abzugrenzen. Goethe, der weniger von der Geschichte, die die Sage vermittelt, und mehr von der Persönlichkeit ihres Helden fasziniert ist, benützt die Sage nur als poetische Grundlage für verallgemeinernde Anspielungen und Suggestionen.

Seine Intention liegt nicht darin, mittels einer Sage Vergangenes vor Augen zu führen, sondern darum, mittels einer Persönlichkeit, mit der er sich identifiziert, eine zeitlose Sage entstehen zu lassen: die Sage vom eigenen Dichterwort und seiner Rolle in dieser Welt. Der Rattenfänger, dessen Namen auf kein konkretes Instrument verweist, hat die Freiheit, sich vieler zu bedienen, und in seiner Kunst, Gefühl und Verstand, Musik und Sinn zu einer untrennbaren Ganzheit verschmelzen zu lassen.

Das Rattenfangen ist nur eine der Funktionen dieser neuen Sagengestalt – allerdings die öffentlichste und darum wohlbekannteste. Sie symbolisiert die gesellschaftliche Rolle des Dichters, der Goethe interessanterweise ausschließlich die Aufgabe der Kritik zuschreibt. Ihre Erfüllung verlangt außer Kunstfertigkeit die unmittelbare Weltkenntnis und Erfahrung, die durch viele und lange Reisen erworben wird.
Wenn sich Brownings Piper auf seine Reisen bezieht, verhält er sich nahezu wie ein Arbeitsuchender, der seinem potenziellen Arbeitgeber seine Work History presentiert:

...poor piper as I am,
In Tartary I freed the Cham,
Last June, from his huge swarms of gnats;
I eased in Asia the Nizam
Of a monstrous brood of vampire-bats:
And for what your brain bewilders,
If I can rid your town of rats
Will you give me a thousand guilders? (8)

Goethes Rattenfänger hingegen bemüht sich nicht darum, irgendjemanden von seinen Fähigkeiten zu überzeugen, oder diesem seine Dienste zu verkaufen. Er erwähnt seine Weltkenntnis als eine wichtige Voraussetzung seiner Kunst, an deren Effektivität er nicht zweifelt. Und wenn er die Macht hat, die weitverzweigten Mißverhältnisse der Ratten- und Wiesel-Plage wegzuschaffen, hat er keinen Grund zu befürchten, daß man ihn selber hintergehen könnte.

Darum erscheint in der nächsten Strophe das Kinderfangen nicht mehr als ein Racheakt, sondern repräsentiert in humorvoller Weise eine andere Funktion der Dichtung, nämlich ihre erzieherische Rolle. Wie jeder Erzieher, braucht auch der erziehende Dichter gute Laune und Humor um seiner Aufgabe zu genügen. In erster Linie deshalb, weil Kinder Kinder sind, aber auch weil seine goldenen Märchen Vorbilder statuieren, denen die Kinder leichtherzig folgen können.

Auch wenn Knaben und Mädchen verschieden sind, auch wenn es sich um die Kinder von Hameln (der Namen der Stadt wird gar nicht erwähnt) oder von sonstwo handelt, bezwingt und bewegt sie der Vortrag von Märchen gleichermaßen. Ebenso wie die Erfüllung der sozialen Rolle der Dichtung eine unmittelbare und weitläufige Weltkenntnis voraussetzt, muß die Dichtung, um ihre erzieherische Funktion zu erfüllen, allgemein gültige Werte vertreten und prägen.

Im Unterschied zu Brownings Piper, der ein bestimmtes Märchen vorträgt:

For he led us, he said, to a joyous land,
Joining the town and just at hand,
Where waters gushed and the fruit-trees grew
And flowers put forth a fairer hue,
And everything was strange and new

schöpft Goethes Rattenfänger aus einem universalen Reservoir von goldenen Märchen.

Schließlich läßt die dritte Strophe des Gedichts überhaupt keine Parallele mehr zu Brownings so ausführlicher Wiedergabe der Sage zu. Die Liebesreize des Rattenfängers und seines Gesangs sind Goethes eigene Hinzudichtung, die sein Rollen-Ich als Dichter vervollständigt.

Gefühle mitzuteilen und mitteilend auszulösen, ist letzten Endes der ureigenste Bereich jeder lyrischen Dichtung. Die Rolle der Dichtung in der Verfeinerung der Gefühle ist ihrer erzieherischen und sozialen Funktion ebenbürtig. Trotz der wenig schmeichelhaften Attribute, mit denen die hier erwähnten Mädchen und Frauen versehen werden, repräsentieren sie nichts anderes als eine possenhafte Variante des Ewig-Weiblichen. So wie der Rattenfänger an kein bestimmtes Instrument gebunden ist, vermag sich auch sein Gesang frei auf jedwelcher Stilebene zu bewegen und sich Zugang zu jedwelchem Herz zu verschaffen.

Das letzte Wort in der dritten Strophe, Gesang, ist und ist auch nicht das letzte Wort des Gedichts. Aber das letzte Wort in der Epilog-Zeile, Anfang, gehört nicht zum hörbaren Lied. In der Dichtung wie im Leben scheinen das Nichts vor dem sichtbaren Anfang und das Nichts nach dem bekannten Ende identisch zu sein, aber in einer verschwiegenen, geheimnisvollen Weise sind sie doch nicht identisch: Auch wenn der Wortklang des Gedichts derselbe bleibt, birgt jede Wiederholung die Notwendigkeit in sich, es neu zu erleben und zu erfahren.


ANMERKUNGEN:

(1) „Spiegel“-Gespräch: Es geht auch ohne Goethe. In: Der Spiegel, 7/ 1995, S. 190.

(2) Der Rattenfänger. In: Goethe, Gedichte 1800-1832, Hrsg. Karl Eible, Frankfurt a.M./ 1988, S. 118-119.

(3) The Pied Piper of Hamelin. In: Poems of Robert Browning, selected by Rosemary Sprague, New York/ 1964, S. 94.

(4) Ebd., S. 102.

(5) Ebd., S. 103.

(6) Ebd., S. 95.

(7) Ebd., S. 102-103.

(8) Ebd., S. 96.

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 49-52

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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