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 Grammatik 12/11 

 Texte 12/11 

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Als der Lange seine gute Laune verlor

von Hubert Schirneck

 


Als der Lange an diesem Morgen erwachte,
wollte er sich kräftig räkeln und aus dem Bett springen,
so wie immer. Aber es ging nicht.
´Oh!´
dachte er.
Langsam schob er die Decke zur Seite,
langsam stieg er aus dem Bett,
langsam zog er die Pantoffeln an,
schlurfte ins Bad.
Als er sich im Spiegel sah, dachte er:
´Oh!´
Er wollte sein Spiegelbild begrüßen,
so wie er es jeden Morgen tat:
"Na, Langer?"
wollte er sagen,
"ausgeschlafen?"
Er wollte eine Grimasse machen
und sich selbst eine Nase drehen,
so wie immer.
Aber es ging nicht.
Keine Grimasse. Keine lange Nase.
Kein "Hallo!"

Als der Lange sein Frühstück machte,
kochte die Milch über und das Ei zerplatzte.
´Oh´,
dachte er. Denn das passierte ihm sonst nie.
Dann rief er den Kurzen an.
"Hallo, Kurzer",
sagte er.
"Hallo, Langer. Wie geht´s dir?"
fragte der Kurze.
"Nicht besonders",
sagte der Lange.
"Irgendwas stimmt nicht mit mir. Komm doch mal."
Gleich kam der Kurze.
Als er den Langen sah, sagte er:
"Oh!"
"Na eben",
sagte der Lange.
"Bist du krank?"
fragte der Kurze.
"Weiß nicht",
sagte der Lange.
"Tut dir etwas weh?"
"Weiß nicht."

Der Kurze tastete den Langen am ganzen Körper ab.
Nichts. Schaute ihm in den Hals.
Nichts. Maß ihm Fieber. Nichts.
"Nichts",
sagte der Kurze.
"Hast du vielleicht schlecht geträumt?"
"Weiß nicht."
"Weißt du denn überhaupt etwas?"
"Ich glaube, heute weiß ich überhaupt nichts",
sagte der Lange.
"Heute fühle ich mich so ich weiß nicht wie.
Es ist aber auch möglich,
daß ich etwas weiß,
es fällt mir aber gerade nicht ein. Wer weiß."

Der Kurze setzte sich hin und überlegte.
Dann sagte er:
"Dein Problem ist, wenn ich das richtig sehe,
daß du nicht mehr lachen kannst.
Stimmt´s?"
Der Lange nickte.
"Da hilft nur eins",
sagte der Kurze und kitzelte den Langen durch.
Der fand das aber überhaupt nicht zum Lachen.
"Erzähle ich dir eben einen Witz",
sagte der Kurze und machte es.

Der Lange hörte aufmerksam zu.
Verzog aber nicht eine Miene.
"Es funktioniert nicht",
seufzte er.
"Das war aber der beste, den ich kenne",
sagte der Kurze.
"Aha",
sagte der Lange und ließ den Kopf hängen.

Der Kurze setzte sich wieder hin und überlegte.
Und überlegte.
Und überlegte nochmal.
Sprang plötzlich auf und sagte:
"Jetzt weiß ich, was los ist.
Du hast deine gute Laune verloren. Ganz einfach."
"Geht denn das? So einfach?"
"Sieht so aus."
"Aber wo soll sie denn sein?"
fragte der Lange.
Sie suchten im Bett. Sie suchten unter dem Bett.
Sie suchten hinterm Kleiderschrank.
Sie suchten in der Waschmaschine.
Sie suchten im Schuhschrank,
unterm Sofa, in den Hosentaschen,
im Nähkästchen und im Kühlschrank.
Kurz, sie durchsuchten die ganze Wohnung.
"Hier ist sie nicht. Und hier. Und hier.
Und hier auch nicht. Nirgends."
Was nun?
"Wenn jemand etwas verloren hat",
sagte der Kurze,
"wo geht er dann hin?"
"Wo geht er dann hin?"
fragte der Lange.
"Ins Fundbüro",
sagte der Kurze.
"Klar",
sagte der Lange.

Gingen sie ins Fundbüro.
"Guten Tag",
sagte der Lange.
"Hat hier vielleicht jemand zufällig meine gute Laune abgegeben?"
"Sie haben Ihre gute Laune verloren?"
fragte der Fundbüromann.
"Genau",
sagte der Lange.
"Tja",
sagte der Fundbüromann.
"Tja",
sagte der Lange.
"Tja",
sagte der Fundbüromann.
"Also, wir haben hier Schirme und Mäntel
und Koffer und Aktentaschen
und Reisepässe und leere Schachteln
und volle Schachteln und Musikinstrumente
und Schulmappen und Eheringe und Brieftaschen.
Jede Menge Brieftaschen.
Aber gute Laune, nein,
gute Laune haben wir nicht."

"Da kann man wohl nichts machen",
sagte der Lange.
"Nein, da kann man wirklich nichts machen",
sagte der Fundbüromann.
"Vielleicht ist es besser,
wenn Sie das nächste Mal etwas verlieren,
das man leichter wiederfinden kann,
zum Beispiel einen Schirm oder einen Mantel oder..."
"Jaja",
sagte der Kurze.
"Gehen wir."
"Und jetzt?"
fragte der Lange.
"Jetzt gehen wir in den Zirkus."

Gingen sie also in den Zirkus.
In den Zirkus mit dem besten Clown weit und breit.
Der machte einen Spaß nach dem anderen.
Zum Totlachen.
Nur einer lachte nicht.
"Und jetzt?"
Trafen sie einen berühmten Wunderdoktor.
Als er die beiden sah,
sagte er gleich:
"Warum denn so trübsinnig, meine Herren?
Warum denn bloß?"
"Mein Freund hier",
sagte der Kurze,
"hat seine gute Laune verloren.
Und jetzt suchen wir sie."
"Ah, verstehe!"
rief der Wunderdoktor.
"Habe ich genau das richtige.
Habe ich ein vorzügliches Wundermittel.
Hilft sofort. Mit Lachgarantie.
Ganz großartig und ganz billig."
"Und das hilft?"
fragte der Lange.
"Hilft garantiert",
sagte der Wunderdoktor.
"Habe sogar schon Tiere behandelt, mit Erfolg."
"Tiere?"
fragte der Kurze.
"Was denn für Tiere?"
"Zum Beispiel war ich am Meer",
sagte der Wunderdoktor.
"Viele Möwen, sage ich Ihnen,
tausend Möwen, und alle hatten schlechte Laune,
weiß nicht warum,
vielleicht wegen Wetter.
Na gut, habe ich Ihnen mein Mittel gegeben,
und hat sofort gewirkt. Jetzt heißen sie Lachmöwen.
Das ist der Beweis."

Na gut, kauften sie das Wundermittel eben.
"Dreimal zehn Tropfen"
stand drauf,
der Lange trank gleich die ganze Flasche.
Half aber kein bißchen,
und der Wunderdoktor hatte sich aus dem Staub gemacht.

Sie fragten alle Leute,
die sie trafen,
doch niemand wußte etwas.
Sie fragten sogar einen Polizisten,
der wußte aber erst recht nichts.
"Falls Sie",
sagte der Polizist,
"Ihre gute Laune bis morgen nicht wiedergefunden haben,
dann kommen Sie bitte aufs Revier."
"Und dann?"
fragte der Lange.
"Dann können Sie eine Vermißtenanzeige aufgeben.
Im Moment kann man da überhaupt nichts machen.
Auf Wiedersehen."
"Und jetzt?"
fragte der Lange.
"Weitersuchen",
sagte der Kurze.

Sie suchten auf dem Bahnhof
und im Kaufhaus und in der Straßenbahn
und auf dem Sportplatz
und in einem Kindergarten und im Zoo.
Sie suchten.
Und suchten.
Bis es dunkel wurde.
Dann zuckte der Lange die Schultern und sagte:
"Naja. Weg ist weg.
Da kann man nichts machen."
"Lach doch mal",
sagte der Kurze.
Der Lange versuchte es.
Aber es ging nicht. Keine Chance.
"Weißt du was?"
sagte der Kurze.
Ja, das wußte der Lange:
Er würde nie wieder lachen und Grimassen schneiden
und herumtoben und sich freuen
und Quatsch machen und Witze erzählen.
Nie wieder. Das ganze Leben.

"Nein, das meine ich nicht",
sagte der Kurze.
"Was denn sonst?"
"Wir suchen morgen weiter."
"Aha",
sagte der Lange,
"was für ein Trost."
"Gleich morgen früh.
Laß den Kopf nicht hängen."
Aber der Lange ließ den Kopf hängen.
Und er ging nach Hause und traute sich
gar nicht mehr, in den Spiegel zu sehen.
Wollte nicht mal mehr was essen.
Zog sich gleich aus und trottete ins Bett.
Dann schlief er ein,
und vorher dachte er nur noch:
´Nie wieder. Das ganze Leben.´
Am Morgen wachte er auf.
Weil seine Fenster nach Osten gingen,
schien die Sonne herein.

Der Lange räkelte sich ausgiebig,
schlug die Decke zurück,
sprang aus dem Bett,
joggte ins Bad, schnitt eine Grimasse,
drehte seinem Spiegelbild eine Nase und rief:
"Hallo, Langer! Ausgeschlafen?"
Auf einem Bein hüpfte er in die Küche
und machte sich ans Frühstück.
Die Milch kochte nicht über,
und das Frühstücksei blieb heil.

In diesem Moment kam der Kurze herein.
"Oh!"
sagte der Kurze.
"Oh!" sagte der Lange. "Was ist denn los?" "Du hast ja deine gute Laune wiedergefunden."
"Tatsächlich",
sagte der Lange.
"Jetzt fällt es mir auch auf.
Ich habe meine gute Laune wiedergefunden."
Ja, das konnte man wohl sagen.
Aber wo sie sich die ganze Zeit versteckt hatte,
das weiß bis heute kein Mensch.

 

Lectiile de Germana sunt realizate si predate de prof. Valeriu Untea.

 

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