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 Grammatik 8/11 

 Texte 8/11 

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Das Geburtstagsgeschenk

von Hubert Schirneck

 


´Nicht zu glauben´,
dachte der Lange, und dann gleich nochmal:
´Nicht zu glauben.´
In diesem Haus war es wirklich nicht mehr auszuhalten.
Die Fenster waren undicht,
der Fußboden verschimmelte,
der Ofen funktionierte nicht.
Der Lange mußte drei Pullover übereinander anziehen,
um nicht zu frieren,
denn ständig pfiff der Wind durchs Zimmer.
Im Dach waren richtige Löcher drin,
so alt war das Haus.
Von der Decke tropfte das Wasser,
und er mußte ständig neue Schüsseln und Töpfe aufstellen.
Das machte pling-plang
und manchmal auch plang-pling,
aber lustig war das nicht.
Der Lange zog sich noch einen vierten Pullover an
und versuchte sich mit gymnastischen Übungen zu erwärmen.
Das half aber nicht viel.

Pling-plang. Was sollte er tun?
Für die Reparaturen hatte er kein Geld,
und für ein neues Haus erst recht nicht.
Wenn nur endlich der Sommer käme.
Aber im Sommer regnet es ja auch, und was dann?
Plötzlich machte es besonders laut und heftig pling-plang,
diesmal war es aber die Wohnungsklingel.
Der Lange machte auf.

"Ein Paket für den Langen",
sagte der Mann mit der blauen Mütze,
"unterschreiben Sie mal hier."
"Hier?"
"Nein, hier."
Das Paket war so riesig,
daß gleich vier Postbeamte gekommen waren.
Sie schleppten es ins Wohnzimmer
und stellten es keuchend ab.
Dann wischten sie sich den Schweiß
von den Stirnen und gingen wieder.
´Die haben´s gut´,
dachte der Lange,
´die frieren wenigstens nicht.´
Dann betrachtete er das Paket genauer.
Es ging ihm fast bis zur Schulter
und war mit ungefähr hunderttausend Stricken umwickelt.
Der Lange holte eine Schere und fing an,
die Stricke durchzuschneiden.
Aber es waren so viele,
daß er überhaupt nicht fertig wurde.

´Das schaffe ich nie allein´,
dachte er und rief den Kurzen an.
"Wie geht´s denn so?"
fragte der Kurze.
"Ich habe",
sagte der Lange,
"ein Paket bekommen."
"Ein Paket?"
"Ein Riesenpaket.“
"Wie schön",
sagte der Kurze.
"Ein Superriesenpaket",
sagte der Lange.
"Von wem ist es denn?"
fragte der Kurze.
"Weiß nicht, steht kein Absender drauf."
"Und was ist drin?"
"Weiß ich auch nicht. Ich krieg´s nicht auf."
"Aha",
sagte der Kurze.
"Und jetzt?"
Pling-plang.

"Komm doch mal",
sagte der Lange.
"Bitte."
Gleich kam der Kurze,
und der Breite ließ auch nicht lange auf sich warten.
Am Schluß kam der Schmale.
Der sagte:
"Ich weiß",
sagte er,
"was in dem Paket ist."
"So, was denn?"
fragte der Lange. "Ein Geschenk",
sagte der Schmale,
"das nämlich."
Und dann fingen sie mir nichts dir nichts an,
ein Geburtstagslied zu singen.
Der Lange kratzte sich ganz verlegen am Kopf und sagte:
"Das hatte ich ja ganz vergessen,
mein Geburtstag, wie schön.
Was wird wohl drin sein in dem Paket?"
Pling-plang.

"Sieht aus wie irgendwas Großes",
sagte der Breite,
"vielleicht ein junger Elefant."
"Quatsch! Elefanten gehören doch nicht auf den Postweg."
"Na, dann eben ein Krokodil."
Für solche Späßchen war der Lange aber heute überhaupt nicht zu haben.
"Machen wir es doch einfach auf",
sagte der Kurze.
"Genialer Einfall",
bemerkte der Breite,
"hätte von mir sein können."
Also jeder eine Schere in die Hand und los ging´s.
Endlich waren alle Stricke weg,
und sie machten den Karton auf.
Statt des Geschenkes fanden sie aber wieder nur einen Karton,
bißchen kleiner als der erste.
In diesem war wieder ein kleinerer Karton drin,
und in dem auch, und im nächsten,
und im übernächsten, und im überübernächsten.

"Das ist kein Paket, das ist eine Zwiebel",
sagte der Schmale und kicherte.
Das Wohnzimmer füllte sich immer mehr mit Kartons,
kaum daß man noch irgendwo hintreten konnte.
Vom Geschenk aber weit und breit nichts zu sehen.
"Vielleicht",
sagte der Breite,
"ist es etwas ganz besonders Wertvolles,
das man sehr gut einpacken muß."
"Na ja, aber man kann auch übertreiben",
sagte der Lange und holte den nächsten Karton heraus.
Nach einer Stunde war nur noch ein winziges Schächtelchen übrig,
kaum größer als eine Streichholzschachtel.
"Also, eins ist sicher",
sagte der Schmale.
"Ein Elefant ist es nicht."
"Vielleicht ein Ring, oder eine Uhr",
sagte der Lange hoffnungsvoll.
"Jetzt mach schon auf",
sagte der Kurze.

Ganz vorsichtig machte der Lange das Schächtelchen auf,
und was fand er?
"Ein Zettel",
sagte er,
"ein ganz gewöhnlicher Zettel.
Ein Stück Papier, sonst nichts,
von wegen Geschenk und so.
So viel Arbeit,
das ganze Haus voller Kartons,
und jetzt das."
"Was steht denn drauf auf dem Zettel?",
drängelte der Breite,
"lies doch schon vor."
Der Lange nahm den Zettel heraus und las:
"Lieber Langer! Zu deinem heutigen Geburtstag wünschen wir Dir alles Gute,
ein langes Leben und noch viele fröhliche Stunden mit uns!
Gezeichnet: Der Kurze, der Breite und der Schmale."
"Steht da nicht noch was?"
fragten die anderen.
"Ja, hier",
sagte der Lange und machte ein finsteres Gesicht.
"Hier steht: P.S.:
Wie wär´s, wenn du mal wieder dein Wohnzimmer aufräumst.
Das ist ja eine grauenhafte Unordnung."

Jetzt konnten die anderen das Lachen nicht mehr zurückhalten.
Sie wieherten,
schlugen sich auf die Schenkel
und prusteten um die Wette.
Sie kriegten sich gar nicht mehr ein,
und das Wasser, das von der Zimmerdecke kam,
plätscherte fröhlich mit.
Es war wirklich zum Kugeln.
"Ich weiß nicht",
sagte der Lange,
"ob ich das lustig finden soll oder eher traurig.
Soll ich mich freuen oder soll ich mich ärgern?"

Er lief, den Zettel in der Hand, hin und her,
soweit das zwischen den vielen Schachteln noch möglich war,
und überlegte.
Dann blieb er stehen und sagte:
"Du Kurzer, was meinst du,
soll ich ärgerlich sein,
oder soll ich mitlachen.
Eigentlich ist das ja kein schöner Streich,
den ihr mir da gespielt habt."
Da mußten die anderen noch mehr lachen,
vor lauter Lachen weinten sie sogar.
Als sie sich später ein wenig beruhigt hatten,
sagte der Schmale,
während er sich mit dem Taschentuch die Augen trocken wischte:
"War das nicht ein gelungenes Späßchen?
So ein Riesenpaket, so ein Superriesenpaket,
und am Schluß ist nur ein,
hahaha, ein Zettel drin."
"Na, ich weiß ja nicht",
brummte der Lange.
"Mir fällt hier das Regenwasser auf den Kopf,
der Ofen ist kaputt, die Fenster kaputt,
der Fußboden kaputt,
ich ganz kaputt, und ihr macht Späßchen."

"Aber jetzt",
sagte der Kurze und legte dem Langen den Arm um die Schultern,
wozu er allerdings auf einen Stuhl steigen mußte,
"aber jetzt alle mal herhören.
Jetzt alle mal aufhören zu lachen.
Jetzt kommt nämlich wirklich das Geschenk,
und zwar ehrlich.
Wir nämlich, der Schmale, der Breite und ich,
wir drei haben alles Geld zusammengelegt,
das wir hatten, und wir haben bei allen Verwandten und Bekannten gesammelt für dich,
und mit dem Geld, also,
mit dem Geld haben wir dir ein Häuschen gekauft,
ein ganz hübsches mit schönen Fenstern und ohne Löcher im Dach.
Und sogar ein Gärtchen ist dabei mit einem Apfelbaum.
Tja, und die Schachteln hier,
die nehmen wir für deinen Umzug.
Und dann wollte ich noch sagen,
also, daß wir... ich wollte sagen, ich meine, daß wir alle dich unheimlich gernhaben.
Das wollte ich sagen."
Da wurde dem Langen ganz anders,
und er mußte sich erstmal hinsetzen
und konnte gar nichts mehr sagen,
und er wußte gar nicht, wie er böse sein konnte auf seine Freunde,
und dann, dann mußte er sogar ein bißchen weinen vor lauter Glück.

Heute bin ich an seinem neuen Häuschen vorbeigekommen.
Es hat blaue Fensterläden
und ein ganz neues Dach
und ein hübsches Gärtchen mit einer Blumenwiese.
Und ich sah den Langen unterm Apfelbaum sitzen,
und der Apfelbaum fing gerade zu blühen an.

 

Lectiile de Germana sunt realizate si predate de prof. Valeriu Untea.

 

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