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Warten auf...

von Hans Kamm / Auszug aus dem Roman "Die Flucht"


 

Er lag auf dem Bett und wartete – auf was?
Seit fünf Stunden lag er da, und wartete auf die Dunkelheit. Vor fünf Stunden hatte er das Goldarmband gestohlen.

Es war ganz einfach gewesen. Kurz nach 14.00 Uhr hatte er den Laden betreten: eine kleine Bijouterie, voll Kitsch, aber auch Wertvollem. Der Besitzer war ein fetter, mittelgrosser, dunkelhaariger Mann, sein dunkelgrauer Anzug zerknittert und fleckig, der Hemdenkragen verschwitzt, das Haar feucht vom Schweiss. Die Luft im Laden war warm und muffig gewesen. Und draussen hatte die Stadt in sengender Julihitze gebrütet. Als der Mann dem unschlüssigen Kunden weitere Uhren aus einem andern Raum holte, hatte dieser das Armband an sich genommen.

Eigentlich war es ein Entscheid aus dem Nichts gewesen. Wie gewohnt hatte er an diesem Mittag seine Streifzüge durch die Stadt gemacht. Wie gewohnt hatte ihn der Hunger vorwärts getrieben. Aber er hungerte bereits zu lange. Denn seit zwei Jahren hatte er nur noch Gelegenheitsjobs, kurze Arbeitseinsätze. Es reichte gerade für die Miete, Brot, Milch, Wein und Zigaretten.

Die Bijouterie lag in einem Viertel, das er wenig kannte, und es war tatsächlich ein Zufall, dass sie weit von seinem Wohnort entfernt war. Kein Mensch war auf der Strasse gewesen, als er den Laden betreten hatte.

Die Gleichförmigkeit seiner armseligen Tage: Brot, Milch, Wein, Zigaretten, endlose Spaziergänge hatte ihn plötzlich überwältigt. Wie vom Blitz getroffen, war er stehengeblieben, und ohne zu zögern, hatte er das Geschäft betreten.Nur raus aus der Gleichförmigkeit.

Warum nur konnte der friedliche und anspruchslose Müssiggang auf die Dauer nicht glücklich machen, warum nur? Auch dies ein weiterer Beweis für die Unzulänglichkeit des Menschen.

Nein, er wollte nicht bis zu seinem Lebensende so dahinvegetieren. Noch war er zu jung. Ende Dreissig. Einfach zu jung.

Ohne Gewissensbisse, wie eine Maschine, hatte er gehandelt. Das Armband war sehr wertvoll: hochkarätiges Gold, mindestens zwanzig Brillanten.
Davon liess sich leben. Doch Bargeld wäre besser gewesen. Aber er machte sich keine Sorgen, irgendwann würde er einen finden, der ihm das Schmuckstück zu einem guten Preis abnahm.
19.00 Uhr. Die Stadt kämpfte immer noch gegen die Hitze. Im Zimmer aber war es angenehm kühl: sein Fenster ging auf den Hof, und es hatte nie direkte Sonneneinstrahlung.
Ob irgend jemand ihn beobachtet, oder gar erkannt hatte? Eine Strasse hat viele Fenster, viele Toreingänge und parkierte Autos. Dutzende Personen konnten ihn gesehen haben, ohne dass er es wusste. Nur die leere Strasse hatte er wahrgenommen.
Was aber war mit den Fenstern? War das hier eine Falle? Wartete er auf die Polizei?
Gleich jetzt müsste er sich verändern, örtlich und natürlich im Aussehen.
Nur langsam, langsam. Der Mann musste den Diebstahl erst bemerken. Jetzt vielleicht?
Ladenschluss. Bestimmt, jetzt war es soweit. Gerade jetzt telefonierte er mit der Polizei, aufgeregt, nervös, schwitzend und fluchend. Beschreibung des möglichen Täters_ abgetragene graue Flanellhose, braune Mokassins, kariertes Polohemd, Sonnenbrille, kurzes hellbraunes Haar, Schnurrbart, längliches ovales Gesicht.
Würde er sich so genau erinnern können?
Hatten vor und nach ihm noch andere – wie viele? – Kunden den Laden betreten? Hatte der Mann den Diebstahl wirklich schon entdeckt?

Alles war unklar. So unklar wie sein plötzlicher, unspektakulärer Entschluss; so unklar wie sein Leben es bis anhin gewesen war. Immer hatte er hinter der Bühne gestanden., und plötzlich sah er sich auf der Bühne: der Vorhang war aufgegangen, und alle erwarteten etwas von ihm. Vor allem er selbst wartete ungeduldig auf das, was er jetzt tun würde.

 

Lectiile de Germana sunt realizate si predate de prof. Valeriu Untea.

 

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